Das Kriegsende des 2.Weltkriegs in Kohlscheid

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Im Oktober 1944 schon endete für Kohlscheid der 2.Weltkrieg. Der Ort wurde von den heranrückenden Amerikanern eingenommen. Die wenigen Zivilisten, die nicht evakuiert und in der Gemeinde geblieben waren, mussten ihr Überleben organisieren und dabei viel auf sich nehmen. Der damalige Pfarrer der Gemeinde St. Katharina, Andreas Backes, hat genau während dieser schlimmen Zeit um das Kriegsende herum Tagebuch geführt und seine Eindrücke sehr detailiert festgehalten.

 

 

Das Kriegsende in Kohlscheid und der Wiederaufbau

Aufzeichnungen von Pfarrer Andreas Backes

In den letzten Jahren erschienen in zwangloser Folge die Aufzeichnungen des verstorbenen Pfarrers Andreas Backes über das Kriegsende und den Wiederaufbau nach dem 2, Weltkrieg. Veröffentlicht wurden sie im Pfarrblatt der Pfarre St. Katharina durch Pfarrer Karl Franken. Die einzelnen Fortsetzungen mußten aus finanziellen Überlegungen im Originalsatz nachgedruckt werden, um sie einem interessierten Personenkreis zugänglich zu machen.

Kohlscheid, im Juni 1969

Die letzten Tage des tausendjährigen Reiches in Kohlscheid
Der unverhältnismäßig warme August des Jahres 1944 neigt sich seinem Ende zu. Die Invasionsfront rückt bedrohlich näher und die Sirenen kommen kaum zur Ruhe. Doch scheint Kohlscheid die feindlichen Flieger nicht zu interessieren, wahrscheinlich schützt die Zeche. Samstag, 2. September, kurz vor dem Beichtstuhl, Befehl zur Räumung des Pfarrheimes für die H. J., welche Schanzarbeiten durchführen sollte. Mit Kindern und Männern wird das Heim leergetragen bis auf einen Schreibtisch. Die Kirmes, sonst am 1. Septembersonntag fällig, wird durch Wind und Regen ersetzt. Auf dem Konveniat in Bardenberg beschlossen die Pfarrer auf alle Fälle zu bleiben, komme, was da komme. Es war die letzte Zusammenkunft in dieser Zeit. Ein Versprengter taucht auf und seine Berichte zeigen deutlich genug den Zustand des deutschen Heeres, und er selber war die beste Illustration für das, was er sagte. Der Gottesdienst geht weiter und Andächtige sind genug anwesend. Beim Krankenbesuch am Herz-Jesu-Freitag wird eine kaum erwartete Unruhe unter den Leuten bemerkbar, die in den Türen und auf der Straße heftig gestikulierend aufeinander einsprechen. Der berüchtigte Zettel, der das Verhalten bei der Räumung angibt, flattert in die Häuser. Das Gespenst, das schon einmal die Gemüter verwirrt hatte, nimmt drohende Gestalt an. Der Schrecken nimmt zu, als die Insassen des Altersheimes zu bereitstehenden Zügen auf Wagen abtransportiert wurden. Ein erschütternder Zug des Elendes. Als stete Begleitmusik das ferne Grollen der Geschütze und das sich überstürzende Aufheulen der Sirenen. Der Beichtstuhl ist an diesem Samstag sehr lebhaft. Der Sonntag bringt neue Unruhen. Die H. J. rückt in 8 Tagen wieder ab, an ihre Stelle kommen Männer aus der Bonner Gegend. Diese sollten nun die Schanzarbeiten übernehmen, unter ihnen auch der Orgelbaumeister Klais. Er findet sich mit 2 Freunden zu einer «freien» Aussprache und einem Glas Wein im Pfarrhaus ein, und bleibt auch zur Nacht. Besser auf einem Speicherzimmer allein und im Bett, als zu Haufen in einem Saal auf Stroh. Am Montag nimmt Direktor W. Aschke die Geräte der Kirche in Gewahrsam des Bergwerkes, wo sie vor Beschuß und Diebstahl sicher sind. Bei dem abendlichen Besuch bei dem Direktor fallt das Stichwort «Siegfried», das bedeutet: sofortiges Ausfahren der Bergleute und Abtransport der Frauen und Kinder jenseits der Höckerlinie. 

Am Dienstag kommt das Gerücht auf: «Aachen wird geräumt», und allerhand andere und sich widersprechende folgen nach. Man weiß nicht ein noch aus. Fremde S. A. treibt das Vieh von Horbach weg, niemand darf bleiben, sonst wird er als Dieb betrachtet. Nach schwerer Kanonade in der Nacht kommen die Bauern von Orsbach. Ein N. S.-Lehrer führt den Treck. Eine Stafette von Berensberg meldet: «Es wird nicht geräumt,» General Schwerin-Krossigk hat die Parole herausgegeben, die Pfarrer Zohren mit zwei Unteroffizieren von Haus zu Haus weitergibt. Ein Besuch in Berensberg bestätigt die Richtigkeit der Verlautbarung. Man hängt dauernd am Telefon, jeder möchte das Neueste erfahren. Die Nazis geben Gegenparolen heraus. Gegen 2 Uhr verlassen die stolzen Gebieter den Ort, nicht ohne Cognac mitzunehmen und sich reichlichst mit Butter und Aufschnitt versorgt zu haben. Allgemeine Heiterkeit begleitet den feigen Abzug, der alte Gruß, ist wieder auf den Lippen. Die Leute stehen, munter plaudernd, auf den Straßen. Dagegen ist der Sirene die Luft ausgegangen, sie schweigt. Am Donnerstag werden wir von der Außenwelt abgeschlossen, da auch das Telefon aussetzt. (Es ist für das Pfarramt erst 1948 wieder in Gang gekommen.) Plötzlich bleibt auch das Trinkwasser aus, nur tropfenweise kommt es an tiefergelegene Stellen. Regensärge werden zur Aufnahme des Wassers gereinigt und wieder in Stand gesetzt. Im Pfarrhaus sind die Zuflüsse verstopft. Wie ein Blitz aus heiterem Himmel wirkt die Hiobspost, die Braunen sind wieder da. Höhere Stellen haben die Helden wieder zurückgeschickt, die dann nur abends sich in Sicherheit bringen. Versuche, die Reifen ihrer Wagen anzubohren, schlugen fehl. Den freiwilligen Räumern sind zwei Extrazüge versprochen, doch die Gläubigen sehen nur leere Schienen. Vorläufig soll alles noch freiwillig geschehen, aber dadurch wird nicht viel erreicht. Bald kommen Zettel in die Häuser, welche die sofortige und restlose Räumung befehlen. Diese wirken am meisten bei den Geschäftsleuten, sie verlieren die Nerven und verkaufen frei. Nun verliert die Bevölkerung immermehr die Möglichkeit, sich zu verproviantieren. Inzwischen hat das Gerücht von der Freigabe aller möglichen Sachen die Leute prozessionsweise nach Aachen gelockt. Meistens brachten sie Wein und Kokosfett aus der Fabrik «Trumpf» mit. Dabei kracht es schon ganz erheblich. Die Räumung geht nicht nach Wunsch der Partei voran, kaum einer, der freiwillig gehen will. Nun soll die Wehrmacht die Angelegenheit regeln; sie verteilt Drucksachen, die über den Ernst des Räumungsbefehls keinen im Unklaren lassen. Der Beichtstuhl wird erst lebhaft, als die Nazibonzen und ihre Schergen fort sind. In der Nacht zum Sonntag die ersten Einschläge an der Meßdienersakristei.

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