Sichelscheid - eine Klinkheider Grube

Das Wurmrevier zählt zu den ältesten Steinkohlenabbaugebieten Europas. Schon seit Ende des 15. Jahrhunderts ist Grubenbetrieb in dieser Region belegt. Zu den bekanntesten Bergwerken Klinkheides zählt die Grube "Sichelscheid". Herrn Josef Aretz, dem Autor des Buches "Kohlscheider Bergwerke" (Herausgabe 1986) verdanken wir das Wissen um die genannte Klinkheider Grube

Das Wurmrevier zählt zu den ältesten Steinkohlenabbaugebieten Europas. Schon seit Ende des 15. Jahrhunderts ist Grubenbetrieb in dieser Region belegt. Damals war es nur möglich, ein Bergwerk zu gründen und zu betreiben, wenn der Besitzer des Landstriches, unter dem man abbauen wollte, eine sogenannte „Konzession“, also eine Erlaubnis, erteilte. Diese legte genau fest, innerhalb welcher Grenzen der Ausbau erlaubt war. Selbstverständlich wurde diese Konzession nicht umsonst erteilt, sondern sicherte dem Erteilenden eine satte Gewinnbeteiligung und den „Erbpfenning“. Die Menschen, die in einer solchen Grube arbeiteten, nannten sich Köhler und Kohlwieger. Sie bildeten damals bereits oft Gemeinschaften, die – wie wir noch sehen werden - manchmal so verschworen waren, dass sie auch Aktionen zusammen planten und ausführten, die außerhalb der Gesetze lagen.

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Das Konzessionsgebiet der Grube Sichelscheid lag ziemlich genau unter dem Ortskern des heutigen Klinkheide, wie man dieser Grafik gut entnehmen kann.

Im 16. Jahrhundert ist sie zwar schon recht bedeutend, hat aber leider sehr unter den Meinungsverschiedenheiten und Streitereien aller Beteiligten zu leiden. Um 1615 betreiben die Brüder Johann und Hein Wüst, sowie Nys Bocks und Johann Pfaff die Grube. Sie hat bereits einen Abflussstollen zur Wurm und liefert der Gemeinde Kohle. Über einen „seigeren“ (senkrechten) Schacht fahren die Köhler ein und bauen auf 4 bis 8 geneigten Förderstrecken Kohle ab. Um 1641 ist Sichelscheid die größte Grube des Heydener Ländchens. Im Buch „KohlscheiderBergwerke“ von Josef Aretz können wir ein sehr interessantes Detail nachlesen, das in diese Zeit fällt: „Um sich wahrscheinlich wegen gewaltsamer Eintreibung von Steuern zu rächen, fällt im Jahre 1656 im Auftrage des Herrn von Alsdorf dessen Stellvertreter auf Wilhelmstein mit Bewaffneten in das Heydensche Gebiet ein. Eine Anzahl von Schützen wird eingesetzt, die mit Picken, Hacken und „Achsen“ durch Zuhauen Sichelscheid zu zerstören sucht. Bei Nacht und Nebel wird die Zeche Groß-Sichelscheid gänzlich verwüstet. Das Bergwerk kann nicht mehr bearbeitet werden, weil man nicht nur die beiden Schächte zerstört, man leitet außerdem noch Wasser der Wurm in sie hinein. Der Gesamtschaden wird mit 3000 Reichstalern angegeben. Die Grube arbeitet zu dieser Zeit „ahn Zweyen orthen nemlich in Athnerberg und Vorensberger Kohweiden“. Von der Grube wird gesagt, dass sich dort Kohlen von großer „quantiteit“ befinden, die nun überschwemmt sind. 36 Knechte und Arbeiter sind nun „ahn Ihrem Tageslohn Und saurem Brodt zu verdienen behindert“. Der Überfall geschieht am 11. Juli 1656. Ferdinand von Bongart ( Haus Heyden ) sendet am 24. Juli 1656 eine Beschwerdeschrift wegen des Überfalls an den Kurfürsten von Pfalz-Jülich, z. Hd. des Hofrates in Düsseldorf. Seit diesem Überfall kämpft Sichelscheid in den folgenden Jahren gegen große Wassernot an.“ Um das Jahr 1660 herum nennt man die Grube nun auch die „große Koulen“. Die Sichelscheidköhler haben ihren Sitz auf Gut Forensberg. Zu dieser Zeit sind für Kohlen die folgenden Einkaufspreise zu entrichten:

„der grobe Hund“ Kohlen      4 Bauschen
„der Hund Geriss“                2 Bauschen
„eine Karre groben Kohl“    12 Märk
„eine Karre Geriss“              4 Märk
ein Wagen Kohlen                4 Aachener Gulden
eine Karre „Mascherang“      unterschiedlich

Damals bezeichnete man mit „groben Hund“ oder „groben Kohl“ Stückkohle, die für beste Qualität stand. Die Mischung aus kleinen Kohlebröckchen und Kohlestaub hieß damals schon ( und heute noch!) „Mascherang“. „Geriss ist eine mit Kohlestückchen durchsetzte Masse, die früher gerne zu „Jedecks“ verwendet wurde. Unter „Jedecks“ versteht man eine Mischung aus Kohlegries und Lehm, die zur nächtlichen Abdeckung des Herdfeuers diente.

Zur Zeit der oben angeführten Ereignisse ( wie auch noch zur Zeit der „Bockreiter“-Banden ) sah die Landkarte unseres Gebietes wie ein bunter Flickenteppich aus, weil unzählige kleine Ländchen, Grafschaften, Herzogtümer und andere Herrschaftsgebiete unsere Region „zerstückelte“. Jedes Gebiet hatte seine eigenen Maße, Gewichtsbezeichnungen und Münzen. Es war also durchaus möglich, dass man auf dem Weg bis Aachen mehrere Währungen zur Bezahlung von irgendwelchen Dingen benötigte. So sind auch die ungewöhnlichen, oben genannten Währungsbezeichnungen zu verstehen. Ein führender Numismatiker ( Münzsachverständiger ), J. J. Michel, hat sie erklärt:

  1 Ort = 1,5 Busch oder Bausch
  1 Fettmännchen = 3 Bauschen
  1 Aachener Märk ( Mark Aix ) = 6 Bauschen
  6 Aachener Märk = 1 Aachener Gulden
  9 Aachener Märk = 1 Schilling = 10 Stüber (Steuffer)
90 Aachener Märk = 100 Stüber = 1 Conventionstaler

Gegen Ende des 17. Jahrhunderts erhält die Grube Sichelscheid zur Bewältigung der Grubenwässer eine „Wasserkunst“, ein Pumpwerk mit großem Rad. Das dabei verwendete Material zur Herstellung der notwendigen Ventile war Kirschholz, weil es hart und widerstandsfähig war. Noch heute entgeht es einem aufmerksamen Wanderer, der im Wurmtal unterwegs ist, nicht, dass der Anteil der Wildkirschbäume dort unverhältnismäßig hoch ist. Gegen Ende des 18. Jahrhunderts fasste man den Plan, auf Sichelscheid einen Pferdegöpel zu installieren. Hierbei handelt es sich um eine Hebevorrichtung für schwere Lasten aus großer Tiefe. Pferde liefen im Kreis und betrieben dadurch ein verzahntes Räderwerk, das - über einen Flaschenzug umgeleitet – die Fördermenge ans Tageslicht hiefte. Das Jahr 1810 bringt entscheidende Änderungen für Sichelscheid. Durch Anteilsverkäufe an der Konzession ergibt sich diese für Klinkheide interessante Aufstellung von „Gewerken“:

Joseph Goebbels               
Adolf Gorihsen                  
Nikolaus Gorihsen             
Jean Pierre Daufermann    
Matthieu Schwan               
Matthieu Lutgens               
Marie Gertrud Kockelkorn  
Anton Frohn                     
Wilhelm Göbbels               
Johann Leonhard Horbach 
Josef Paffen                      
Johann Josef Fonken         
Johann Josef Junger 

Bäcker
Tuchscherer
Tagelöhner
Tagelöhner
Metzger
Tagelöhner
ohne Gewerbe
Ackerer
Bäcker
Forstaufseher
Ackerer
Tagelöhner
Ackerer

Klinkheide
Burtscheid
Pannesheide
Klinkheide
Klinkheide
Klinkheide
Klinkheide
Kircheich
Kircheich
Kohlscheid
Klinkheide
Klinkheide
Rumpen
 

 

Josef Aretz weist darauf hin, dass dieser Personenkreis nach Auswertung der Berufe nicht so finazkräftig gewesen sein dürfte, auf Dauer ein bedeutendes Kohlebergwerk zu betreiben. Sie übertragen 1810 dem Privatsekretär Martin Cudell die Generalbevollmächtigung zur Betreibung der Grube. Danach wechseln die Anteils- und Zuständigkeitsverhältnisse aber noch oft. Es würde diesen Rahmen jedoch sprengen, ginge man im Einzelnen darauf ein. Verwunderlich ist auch nicht, dass die Interessen benachbarter Gruben unterschiedlich sind. Aber die Sichelscheider einigen sich mit den anderen Gruben sogar wegen Schadenersatzforderungen. Zum Beispiel „zieht Sichelscheid durch unvorsichtiges Einschächten einen Schacht der Grube Hoheneich zu Grunde“. Man findet aber in Verträgen aus dieser misslichen Situation hinaus und beugt sich zunehmend immer mehr Vorschriften. Sichelscheid beschäftigt

1810 1825

1 Direktor
1 Kontrolleur
1 Buchführer
1 Kassierer
1 Steiger
1 Kohlenwieger
9 Zimmerleute
4 Gesteinshauer
23 Kohlenhauer
58 Förderleute
16 Tagearbeiter

1 Grubendirektor
2 Rechnungsführer
2 Steiger
5 Maschinenwärter und Schürer
2 Pferdetreiber
4 Schmiede
30 Hauer
50 Förderleute
22 Pumper
12 Zimmerhauer

Vergleicht man die Tätigkeitsbezeichnungen der beschäftigten Menschen, fällt auf, dass in der Zeit zwischen 1810 und 1825 eine Mechanisierung stattgefunden hat. Maschinenwärter und Schürer sowie Schmiede sind nötig um Dampfmaschinen zu betreiben und zu warten.

1822 wird am 6.September auf Sichelscheid ein Bergmann durch herabstürzendes Gestein und am 2.11.1825 einer durch schlagende Wetter getötet.
Der Sichelscheider Kunstschacht ( Fahrkunst nannte man die mechanische Vorrichtung, die die Einfahrt unter Tage ermöglicht) hat um diese Zeit eine seigere ( senkrechte ) Tiefe von 63 Lachter ( ca. 130 m ). Das Stollenmundloch von Sichelscheid liegt 5 Lachter 3 Fuß (ca. 11 m ) höher als der Wurmpegel an der Brücke zu Herzogenrath.

Für das Jahr 1836 vermerkt Aretz, dass der König von Preußen ein Dekret anordnet, das keine Jungen vor ihrem zurückgelegten 13. Lebensjahr zur Arbeit unter Tage mehr zulässt.
Am 17.3.1853 erhält Kohlscheid den schon lange ersehnten Eisenbahnanschluss, der den bis dahin doch sehr mühsamen Transport der in Kohlscheid geförderten Kohlen mit Pferdefuhrwerken zu den Magazinen in Aachen überflüssig macht. Die Stillegung der Grube Sichelscheid erfolgte am 28.5.1859. Nach 1860 werden die Übertagebauten zu Wohnungen umgebaut. Bis in die 30iger Jahre des 20. Jahrhunderts standen sie somit auch manchen Klinkheidern, die heute noch leben, als Behausung zur Verfügung.

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Erhaltene Übertagebauten der Grube Sichelscheid ( Foto um 1935)

Unmittelbar nach dem zweiten Weltkrieg jedoch wird zur Bedarfsdeckung an Kohle noch einmal auf Sichelscheid abgebaut. 1947 erteilt der EBV der Stadt Aachen eine Abbaugenehmgung. Sie erhält die Erlaubnis, nur die Flöze, die oberhalb des Niveaus der Wurmstollensohle zwischen der Bendstraße und dem Wurmtale liegen, auszunutzen. Dort, wo heute die Straße „an Sichelscheid“ in die Bendstraße mündet, standen barackenähnliche Aufbauten bescheidener Größe, die aber nach einer gewissen Zeit wieder verschwanden. Das heute noch einzig Sichtbare ist – von der Straße „an Sichelscheid“ her betrachtet - der umzäunte und sanierte ursprüngliche Schachtbereich am Hang zum Wurmtal hin.

(Diesem Beitrag liegt das Buch „Kohlscheider Bergwerke“ von Josef Aretz zugrunde, das 1986 erschien.)

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